Der Rehbock in der Küche

Genau genommen steht er seit Jahren auf der Kredenz. Wie heißt das nochmal auf Hochdeutsch? Anrichte. Genau, da steht er, auf – in – der Anrichte, zwischen Hochprozentigem. Also Flaschen. Flaschen gefüllt mit Flüssigkeiten wie Weichsel-Likör, Grappa und „God Safe the Gin“ Gin. Heißt wirklich so.

SHE hat mich darauf hingewiesen, dass er – der Rehbock – nicht nur dort steht. Dass er nicht nur, wie der erste Eindruck fälschlich vermitteln könnte, ein 5 cm hohes „Schleich“ Tier ist, sondern . . . dass er viel mehr ist.

Und so habe ich näher hingesehen, habe mich quasi auf die Lauer gelegt und darauf gewartet, dass er sich bewegt. Dass er hinter dem Gin verschwindet oder – im Gin – und sich einen Weg sucht, vorbei an diversen alten Gläsern, Schüsseln und über Eierbecher, um irgendwo ganz neu aufzutauchen. Ich muß Dich enttäuschen. Das ist nicht passiert, aber etwas noch viel Erstaunlicheres.

Wie er da so steht, wirkt er forsch, interessiert. Seine großen Ohren sind aufgestellt und warten – nicht angespannt aber doch aufmerksam. Sein ganze Körperhaltung strahlt Konzentration und gleichzeitig Gelassenheit aus. Eine spannende Kombination, schießt es mir durch den Kopf. „Bist Du freundlich oder grantig“, frage ich ihn und da passiert es. Er antwortet. „Du stellst fragen?! Aber immerhin, Du sprichst mit mir. Zum allersten Mal in Jahren!“ Das ist mir jetzt unangenehm und ich entschuldige mich für meine Unhöflichkeit. Ich entschuldige mich für meine Unhöflichkeit bei einer Figur von Schleich!

Er ist großzügig, sieht darüber hinweg und meint, „Gott sei Dank bist Du nicht meine einzige Ansprechpartnerin . . . “ Ich bin beeindruckt, er gendert und doch auch – noch mehr – verwirrt. „Entschuldige“, ich möchte nicht wieder als unhöflicher Mensch erscheinen, „mit wem unterhältst Du Dich denn sonst noch so?“, und mein Blick schweift über die Flaschen auf der Kredenz. „Nein, so weit ist es noch nicht – ich spreche nicht mit den Flaschen,“ und ich bin überzeugt, dass er leicht spöttisch lächelt. „Du weißt wirklich nichts von uns Eoischen, oder . . .?“

Ich schaue ihn wohl so überrascht und leicht blöd an, dass er meine Antwort gar nicht abwartet und, dieses Mal milde lächelnd, beginnt zu erklären. „Der Name der Eoischen ist sehr alt und kommt aus dem Lateinischen. EO heißt ich gehe, und auch dorthin oder hierhin . . . und noch einiges mehr. Und wir Eoischen können gehen wohin und wann wir wollen.“

„Wie gehen?“

„Nun, gehen trifft es wohl nicht genau . . . es ist mehr ein sich hin denken. Oder wünschen.“

Ich bin sehr beeindruckt, aber noch nicht ganz überzeugt. „Hin denken, wohin Du willst, quer durch Raum und Zeit?“ „Theoretisch ja, aber ich hab halt meine Lieblingsplätze und Wesen, wie jeder . . . “ Aber, entschuldige“, wie gesagt, der Vorwurf der Unhöflichkeit hat mich doch sehr getroffen,“ immer wenn ich hier bin und auf die Kredenz sehe, sehe ich Dich.“ Jetzt lächelt er. Herzlich. „Bist Du Dir da ganz sicher?“ Nein, bin ich nicht. Über Jahre habe ich den Rehbock nicht wirklich registriert, geschweige denn wirklich hingesehen, ob er da ist oder nicht . . . er könnte also immer dann, wenn ich nicht hinsehe, wo anders sein.

Ich bin beeindruckt und wirklich erstaunt. Auch darüber, dass ich ihm jedes Wort glaube. Ich wende mich an SHE, die neben mir steht, und frage sie: „Wußtest Du davon?“ Der Rehbock antwortet für SHE, indem er auflacht. „Ach, Du liebe Güte! SHE ist eine der ältesten Eoischen überhaupt!“

Ich fühle mich nun tatsächlich doof. Und als wäre ich diejenige, die gar nichts mitbekommt auf dieser Welt, von meiner Anrichte ganz zu schweigen, stehe ich kurz davor, mich schmollend zurückzuziehen. SHE und auch der Rehbock scheinen tatsächlich von der selben Art zu sein, denn beide bemerken meinen Stimmungswechsel in der Sekunde. SHE sendet ihre ganz tiefen Töne aus und berührt mich sanft mit ihrem Rüssel an der Schulter. Er meint, „kaum ein Mensch ist bereit, den Gedanken zuzulassen, dass es mehr gibt als sie oder er sehen kann. Du bist also eine Besondere, denn Du hast mich nie nur ins Kinderzimmer gestellt, hast mich bei drei Übersiedlungen mitgenommen und warst damals, als SHE aufgetaucht ist, die noch dazu unsichtbar ist, sofort bereit, sie in Dein Leben zu lassen. Deshalb sind wir hier. Immer wieder hier, um Dich mitzunehmen.“

Ich bin versöhnt und ein leichter, prickelnder Schauer läuft mir den Rücken hinunter. „Mich mitnehmen? Wohin?“ EO, lautet die Antworten von beiden. Dorthin und Hierhin . . .

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