Ich muss loslassen. Ich muss akzeptieren. Ich muss anerkennen. Ich muss annehmen. Wie oft höre ich diese Sätze in Gesprächen mit selbstreflektierten Menschen! In mir selbst. Nein, das sind keine Perfektionist*innen oder über ambitionierte Gut-Menschen, sondern Leute wie Du und ich. Mitten im Leben. Konfrontiert mit dem Leben. Bereit sich mit dem Leben auseinanderzusetzen, oder viel mehr, sich darauf einzulassen. Einlassen . . . so auch auf die beiden Wörter.
Annehmen müssen. Sind das nicht zwei Welten . . . müssen und annehmen. Das eine verbinde ich mit Druck, großem Druck und Anstrengung. Mir kommt das Bild von pressen, von Selbstgeisselung. In das andere gleite ich. Ohne mein Zutun, als wäre ich schon angenommen. Getragen.
Welch´ Idee!
Was, wenn ich bereits angenommen bin? Wenn ich bereits angenommen hätte? Gibt es da nicht eine Methode in der Psychotherapie: Paradoxe Intervention, die darin besteht – sehr kurz gefasst – so zu tun, als wäre alles gut, alles gelöst. Aber diese Idee erinnert mich an den „Raum dahinter“, die unsichtbare Dimension hinter allem, in allem.
Was, wenn die Sehnsucht nach Annehmen, Loslassen und Akzeptanz in uns nicht aus dem unerfüllten Zustand kommt, sondern aus dessen Erfüllung. Wir uns nicht danach sehnen irgendwohin zu kommen, wo alles gut ist, sondern „nach Hause“. Was wenn die „Lösung“, und beinahe möchte ich „Erlösung“ schreiben, bereits da ist. Uns zugänglich. Vielleicht nicht immer und schon gar nicht auf einer intellektuellen Eben, aber auf einer emotionalen, körperlichen . . . einer, zu der wir den Zugang, die „Tür“ in uns tragen. Im Traum, in tiefer Mediation, während wir Sternschnuppen sehen, nackt im See baden, beim Sex, während bestimmter Songs, Momenten im Konzert, zarte Berührungen von Kindern und Erwachsenen, als tiefes Geräusch der unsichtbaren Elefanten Dame wenn sie ausatmet, Dein Lachen . . . alles eine Tür, zu dem „Raum dahinter“. Der unsichtbaren und doch so realen Dimension, die uns trägt.
Was, wenn es das „Gegenteil“, das viel mehr „Gegenstück“ im Sinne von Fundament ist, zu den großen Herausforderungen des Lebens, auch gibt? Was wenn alles immer als „Paar“ daherkommt, das eine sicht- und spürbar, real, das anderer unsichtbar, scheinbar irreal und doch spürbar. Spürbar in eben diesen beschriebenen Momenten der Stille, des berührt Werdens, des berührbar Seins. Wenn es in diesen Momenten da ist, dann ist es immer da, entzieht sich uns nur scheinbar.
Wenn das Gegenstück also da ist, immer . . . ? Dann geht es vielleicht nicht mehr um müssen, sondern um dessen Gegenstück. Was ist das Gegenstück zu müssen?
Sein, sagt SHE.
Und das Gegenstück, der Teil, der das Ganze ganz macht – vielleicht sogar heil macht – zu:
Ich muss loslassen – ich bin getragen.
Ich muss akzeptieren – ich bin gesehen.
Ich muss annehmen – ich bin angenommen.
P.S. ich nenne das „Gegenstück“ den „Raum dahinter“, weil es dem so viel mehr entspricht, wie es sich für mich anfühlt. „Ich bin angenommen“, „Ich bin gesehen“ ist kein Puzzleteil, kein Gegenstück, kein Deckel auf den Topf, sondern ein Raum im Sinne des englischen „space“. Eine Welt. Die Welt in der Du, ich, wir zuhause sind. Aus der wir kommen. In die wir gehen. Die wir im Grunde nie verlassen haben.