Ein neuer Freund hat mir die Augen geöffnet für Freund:innen von SHE, die ich bis jetzt noch nie bemerkt habe . . . Danke dafür.
. . . fast seltsam, dass bei dieser Art die Temperatur über das Geschlecht entscheidet. Bei Temperaturen von 28 bis 31 Grad Celsius entwickeln sich weibliche, bei 31 bis 34 Grad hingegen männliche Vertreter:innen.
Mampfred wurde bei 31 Grad ausgebrütet und nachdem er seine ersten Jahre überlebte, wuchs er zu einem stattlichen Krokodil heran. Überlebenskünstler, die seine Art eben ist – es gab sie schon zu Zeiten der Dinosaurier – hätte sich Mampfred in seiner Haut wohl fühlen können. Die einzig wirkliche Gefahr für Krokodile ist der Mensch. Und den gab es nicht in seiner Gegend – einem Naturreservat. Also hätte er mit seinen sieben, geselligen Metern Länge, dem Respekt, die ihm seine Community entgegen brachte und seiner Lebenserwartung von 100 Jahren, noch viele gute Jahre vor sich haben sollen.
„Aber irgendetwas stimmt nicht“, sagte sich Mampfred immer wieder und sein besonders sensibler Geruchsinn fiel ihm ein und dass er immer schon Nester bauen wollte . . . Und er fand nicht die weiblichen Krokodile besonders anziehend, sondern manche Männlichen. OMG! Das durfte niemand jemals erfahren. So etwas gab es nicht in seiner Gegend, hatte es noch nie gegeben. Widersprach allen Traditionen, für die er doch so lautstark eintrat, teilweise – ganz Kroko-Mann – auch sehr aggressiv. Doch all seine Schimpftiraden sich selbst gegenüber, alle Aggression nach aussen hin, änderten nichts an seinen Gefühlen. Gefühle – er! Wo sollte das noch enden?! Mampfred war verzweifelt. Immer öfter trieb er allein und mürrisch für Wochen im Fluss.
Eines Tages nahm er eine unbekannte Bewegung im Wasser wahr. Was war da los? Er traute seinen Augen nicht! Ein Krokodil, das er noch nie gesehen hatte. Nein, nicht frisch geschlüpft, sondern älter. Vielleicht gut 20 Jahre alt, dem Körperbau nach männlich und doch ganz anders! Bunt! Als es sich auf einer Sandbank ausstreckte konnte man es klar und deutlich sehen: einzelne der Hornplatten waren bunt angemalt und alle seine Krallen waren rot! Ein leuchtendes Orange-Rot!
Mampfred war fassungslos und wütend. Langsam, gefährlich langsam näherte er sich dem Eindringling. Alles könnte nun passieren. Ihm war nach kämpfen zumute, denn der hatte hier nichts verloren. Tief in sich wußte Mampfred, dass es ihm nicht um die Verteidigung seines Territoriums oder der Bewahrung alter Traditionen ging, sondern er schlichtweg neidisch war. Wenn er so nicht sein konnte, dann sollte es auch kein anderer sein.
„Und wieso darfst Du so nicht auch sein?“
Da war er, sein Freund der Krokodilwächter. Nein, kein bis an die Zähne bewaffneter Kämpfer. Oh nein. Schlicht ein Vogel. Ja, Manfred hatte seinen ganz persönlichen Vogel.
Gordon war schon lange sein Freund, benannt nach dem Ornithologen Gordon Lindsay Maclean, den seine humorvolle Mutter immer besonders amüsant gefunden hatte. Dem Mensch Gordon entsprechend geb es keine gesicherten Beobachtungen, wonach sich die Vögel in den Mäulern von Krokodilen aufhalten, um diese zu säubern. Der Experte zweifelte daran, dass sie die Krokodile von Parasiten und Nahrungsresten befreien würden und die Vögel so eine gesicherte Nahrungsquelle und die Krokodile eine gute Zahn- und Zahnfleischpflege hätten. Der Mensch hatte in diesem Fall recht, doch wirklich verstanden hatte er nichts. Es war viel einfacher: manche der Krokodile liebten einfach das Gribbeln der Vogel-Schnäbel und Beine in ihrem hochsensiblen Kiefer.
Wie auch immer – Gordon und Mampfred waren Freunde und Mampfred ließ sich von seinem Vogel so manches ins Ohr zwitschern, wofür andere mit ihrem Leben bezahlt hätten. So war es auch jetzt.
„Wieso, wieso, wieso?“, schnaubte Mampfred. „Weil es eben nicht geht.“
„Wer bestimmt das? Das eine Grad Temperatur, die dich zum Mann gemacht hat? Oder Traditionen, die tatsächlich Millionen Jahre alt sind und so was von verstaubt . . . Das ist doch Schwachsinn!“, schimpfte der kleine Piepmatz vor sich hin. „Ist es nicht endlich Zeit für was Neues?“, zwitscherte Gordon. Mampfred fiel kein Gegenargument ein und fressen wollte er seinen Freund auch nicht, also tauchte er ab.
Vielleicht lag es an der langen Zeit, die Mampfred schon allein ohne Artgenossen verbracht hatte und die ihm zusetzte, der besonderen Wasserqualität der Stelle im Fluss oder doch an der Sternen-Konstellation. Als Mampfred wieder auftauchte, war er ein anderer. Sichtlich entspannter schwamm er zu der Sandbank, auf der das bunte Krokodil lag und sprach den Neuen an. Sehr direkt: „Wie machst Du das?“ Der verstand sofort – nicht nur die Frage, sondern auch Mampfred und all seine bisher versteckten Seiten.
„Ganz einfach.“ Er öffnete sein Maul und ähnlich den Mutterkrokodilen, die im Maul ganz behutsam ihre Jungen transportieren, kamen hier viele kleine, bunte Fläschchen zum Vorschein. Farben, wie sie sonst nur der Regenbogen malt.
Der Rest ist Geschichte. Denn an diesem Tag begann tatsächlich eine neue Zeit am Fluss. Die Freie, Bunte.