Kämpfen wie ein Tiger

Von irgendwoher ist er gekommen, der Tiger. Ich weiß, das hier ist ein Blog über eine unsichtbare Elefantendame und ja, auch der Tiger war kein klassisch, sichtbarer Tiger, sondern viel mehr ein Gefühl.

Ein Gefühl, dass sich anfangs nur leicht unangenehm anfühlte, man nahm es eigentlich kaum war. Ich habe es nicht wahrgenommen, erst ein paar Stunden später. Eigentlich erst im Traum, war da diese Wut, Aggression in einem Ausmaß, wie ich sie wach nicht kenne. So viel blinde Wut, die einen – mich im Traum – Dinge tun lässt, die ich niemals tun möchte. Tage später, als wacher Mensch, habe ich verstanden woher diese Emotionen eigentlich kommen. Aus einer großen Angst. Einem See aus Vorurteilen, Abwertungen und seelischen Verletzungen in den jemand schon als kleines Kind gestoßen wurde und nun, viele Jahre später, droht darin zu ertrinken. Als wäre das, was ich als erstes als Wut wahrgenommen habe, purer Überlebenskampf. Ja, jemand kämpft hier um sein Leben und es war nicht mein Kampf, nicht wirklich. Ich musste und muss in diesem Leben nicht so kämpfen, aber viele andere.

Und ich sah nicht den See, sondern einen Tiger. Habe ihn irgendwie ununterbrochen wahrgenommen, als würde er um mich herumschleichen, als wäre mir, die als Wut getarnte Angst, ständig ganz nah, bereit mich anzuspringen . . . Wieso ein Tiger?, frage ich mich. Gibt es da nicht diesen Spruch: Töte den Tiger Deiner Angst. Sich der Angst stellen, um sie anzuschreien, sie zu vertreiben, sie zu bekämpfen, zu töten . . geht es darum?

SHE berührt mich sanft mit ihrer Stirn und gibt einen ihrer ganz tiefen Töne von sich, die ich nur hören kann, wenn es ganz still ist in mir. Ich ruhig bin. Ist schwierig, wenn man in ständiger Alarmbereitschaft durch den Tag geht – weil der „Tiger“ ja hinter jedem nächstes Eck warten könnte. Irgendwann begreife ich diese Dynamik und atme tief ein und aus, verlasse diesen inneren „Kriegs-Zustand“.

Und da sehe ich ihn, den Tiger. Er liegt seitlich ausgestreckt am Boden, ist schwer verletzt, jemand hat neben vielen anderen Verletzungen seinen Bauch aufgeschlitzt. Sein Fell ist schmutzig, als wäre er durch Morast gewatet. Er leidet, atmet schwer. Er war so lange wütend, hat so lange gekämpft, jetzt ist er schwer verletzt. Und immer noch ist seine erste Reaktion, als sich unsere Blicke treffen, dass er seine Zähne fletscht. Doch seine Augen sagen etwas anderes. Er ist todtraurig. Er stirbt. Und da ist plötzlich SHE, stellt sich neben den Tiger, berührt ihn mit ihrem Rüssel, ganz sanft. Auch ich wage mich in diesem Bild näher heran und beginne seine Wunden, sein Fell mit einem Schwamm und kühlem Wasser zu reinigen. Gefühlt mache ich das für Stunden. Irgendwann atmet er – wir alle – ruhiger. Er verändert sich, entspannt sich, als würde er vertrauen können. Trotz der Verletzungen.

Der verletzte, bis – fast – zuletzt Zähne zeigende Tiger, steht für all die Verletzungen und Demütigungen die Frauen und Männer und alle anderen im Laufe ihres Lebens abbekommen. Absichtlich oder unabsichtlich. Und für die Wut und Aggression, zu der sie führen. Absichtlich oder unabsichtlich. Und den Schmerz, den sie alle verursachen.

Eine eigenartige Begegnung mit dem Tiger, der nicht mehr kämpfen konnte, denke ich. SHE sagt, einem Tiger zu begegnen, ist immer ein Geschenk und eine Ehre.

Ich habe darüber nachgedacht oder viel mehr diese Begegnung wirken lassen, bis ich sie fast vergessen hatte. Doch heute morgen beim Frühstück trug meine Nichte ihr „Nachthemd“, ein T-Shirt mit dem Bild eines großen, schönen Tigers und ich habe verstanden, dass es nicht darum geht, den Tiger deiner Angst zu töten, sondern ihn, den Tiger Deiner Angst zu heilen.

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